Mittwoch, 23. Juli 2014

Diese Schriften über frühere Leben nehmen anscheinend kein Ende. Es zeigte sich sogar eine Bezeichnung dafür: Seelenbiografie. So, wie manche Therapeuten raten, seine Lebensbiografie zu schreiben, um klarer zu sehen und damit Probleme zu lösen, so ist es hilfreich, die Biografien bestimmter frühere Leben zu notieren – und zwar in der Ich-Form. Auch das ist hilfreich und lässt mich noch einmal mehr erkennen, als wenn ich nur einen Ausschnitt ansehen würde.

Dieses Mal zeigte sich Duncan. Es ist ein ganz besonderes Leben, das wusste ich schon vorher, ich kenne es schon seit einiger Zeit und hatte geglaubt, ich wüsste das Wichtigste daraus. Dass dem nicht so war, durfte ich nun beim Schreiben feststellen.

Jener Duncan war ein Kelte, der so um 260 v. u. Z. irgendwo im heutigen Norditalien zur Welt kam. Sein kleiner Stamm zog immer weiter nach Süden, wich dann irgendwann nach Osten ab und verbündete sich mit Boiern und Senonen. Dann nahm er 225 v. u. Z. an der Schlacht gegen die Römer bei Telamon teil, die für die Kelten mit einer schrecklichen Niederlage endete.

Soviel hatte ich schon vorher gewusst – ohne die Namen und die einzelnen Daten zu kennen – doch dann kamen die Überraschungen. Ich hatte bisher geglaubt, dass der Mann, der ihn festnahm, ein Römer gewesen sei. Doch Tartinius – jetzt kenne ich seinen vollständigen Namen: Lucius Ämilius Tartinius – war ein Tusci, also ein Etrusker, dessen Vater sich aber schon den Römern angeschlossen hatte. Auch der Arzt, der Duncan behandelte, war ein Tusci. Und die Frau, die ihn rettete, die Schwester des Tartinius, wurde dann später tatsächlich seine Frau, was ich vorher auch nicht gesehen hatte.

Was mich aber wesentlich mehr berührte, waren Erkenntnisse, die sich aus der Niederschrift ergaben. Da war wieder einmal dieses Gefühl, anders zu sein als die anderen. Duncan war kein begeisterter Krieger, ja er fürchtete sogar, dass sein keltisches Weib ihn für feige hielt. Es hatte ihn schon als Kind und Jugendlichen mehr zu den Barden und Druiden gezogen. Doch Letztere hatten bei seinem Stamm nicht das Ansehen wie in anderen Bereichen des Keltenlandes (also Gallien oder gar britische Inseln), bei seinem Volk wurden sie eher für närrische Alte angesehen.

Duncan hatte aber von ihnen – also Barden und Druiden – gelernt, mit Tieren zu reden, es zog ihn immer wieder in die Natur, doch da es in seiner Familie nur Krieger gegeben hatte, wurde er gar nicht gefragt. Als er im Circus Maximus sozusagen den wilden Tieren vorgeworfen wurde, hätte er sie durchaus bändigen können, was er in gewisser Weise auch schaffte, denn sie verletzten ihn zwar, zerfleischten ihn aber nicht.

Aber nun kommen die interessanten Sachen. Nach seiner Festnahme geht seine Seele für eine Zeit weg – so nennt Duncan es später – er hat an nichts eine Erinnerung, bis zu dem Zeitpunkt, da er die Löwinnen wahrnimmt. Und als er verletzt auf der Bahre liegt, begibt sich sein Bewusstsein nach außerhalb des Körpers. Er nimmt so wahr, dass der Arzt und diese Frau ihm wohl gesonnen sind. Er spürt dadurch keinerlei Schmerzen, und am liebsten würde er in diesem Zustand bleiben, kehrt aber zurück in den Körper, denn er sieht, dass die Frau betrübt ist, weil er die Augen nicht aufschlägt.

Er stellt fest – da lebt er schon einige Zeit auf dem Gut, das Placida und Lucius gehört – dass diese Menschen ihm wesentlich vertrauter sind, als auch nur irgendeiner seiner keltischen Stammesgenossen. Und weiter, dass diese Menschen genauso wie er anders sind als die anderen Römer, Etrusker, Griechen oder was auch immer sie sind. Und irgendwann begreift er, welches Geschenk das ist, solche Menschen gefunden zu haben. Eine Erkenntnis, die ich mit in dieses Leben nehmen durfte, nämlich dass es nicht darauf ankommt, ob die anderen die gleiche Erziehung haben, die gleiche Herkunft oder was auch immer – sondern dass es darauf ankommt, ob sie zu uns gehören, also zu unserer Seelenfamilie gehören, wie ich es heute bezeichnen würde.

Und dann meldete sich noch eine wundervolle Szene, da liegt der alte Arzt im Sterben und möchte noch einmal Duncan sehen. Er sagt ihm, dass er, Gaius, ihn auch deshalb gerettet hat, weil Duncan in einem früheren Leben ihm das Leben gerettet habe. Schon allein, dass dieser Gaius von mehreren Leben wusste, fand ich interessant. Für Duncan als Kelte war Seelenwanderung etwas Vertrautes. Doch nun kommt ein Satz von dem Arzt, den ich liebe: „Man könnte sagen, wir sind nun quitt. Aber ich spüre, so ist es gar nicht. Nicht wahr, Freundschaft fragt nicht danach.“

Nach einem Gespräch mit Lucius und einer Umarmung des Freundes erkennt Duncan die Wahrheit dieser Sätze und er schreibt durch mich: „Doch nun hielt ich ihn, hielt ihn fest in meinen Armen und hatte das Gefühl, dass irgendetwas Altes, Unerledigtes nun bereinigt, ja erledigt war. Freundschaft wägt nicht und rechnet nicht ab. Ja Gaius, du hast Recht gehabt.“

Der größte Teil ist – wieder einmal – in wenigen Tagen geschrieben. Jetzt fehlt nur noch der Abschluss, und ich habe das Gefühl, da kommt ebenfalls noch etwas ganz Besonderes.

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