Freitag, 04. Juli 2014

Gestern habe ich die letzten Sätze geschrieben und mich selbst gewundert. Die Zeit war wirklich überreif, dieser Text drängte geradezu. Beim Schreiben habe ich Giorgio immer stärker neben mir gespürt – ich fühle ihn immer noch. Und mir kommt es fast wie eine Erlösung vor, dass es nun endlich festgehalten ist.

Ich hätte es ahnen sollen: er fühlte sich so manches Mal anders als all die anderen, auch die anderen Maler. Und er bezeichnet sich dann an einer Stelle als seltsamen Kauz. Wie ein Leitmotiv zieht sich das durch all meine letzten Inkarnationen – mal mehr und mal weniger.

Was ich aber auch wieder festgestellt habe ist, dass mir hier ein Mensch begegnet, der mir unwahrscheinlich vertraut ist, dem ich gerne begegnet wäre – nun ja, im Grunde bin es ja ich und bin es doch nicht.

Interessant für mich: ich habe einiges über Malerei gelernt, auch darüber, warum mancher Maler malt. Das bedeutet nicht, dass es für jeden so ist, denn an einer Stelle erkennt Giorgio, dass es bei ihm etwas anderes ist als bei Tizian. Er – Giorgio – hat die Bilder im Kopf, sie sind einfach da. Tizian weiß, welche Wirkung er erzielen will, und plant dann. An der Skizze sieht er, ob er die Wirkung erhält, die er will – oder die es will.

Beim Bild kontrollieren beide, ob es so wird, wie sie es gesehen, Giorgio, ob es dem Bild im Kopf entspricht, Tizian, ob es die Wirkung erzielt, die sich hier zeigen will. Und als Giorgio mit Tizian darüber spricht, haben die beiden auf einmal eine wunderbare Erkenntnis. Da sagt Giorgio: „ … Da siehst du etwas, was andere nicht sehen. Oder erst sehen, wenn du es gemalt hast.“ Und Tizian erwidert: „Ist das der Grund, warum wir malen, malen müssen? Um andern Menschen etwas zu zeigen, was wir sehen, sie aber erst, wenn wir es gemalt haben?“

Und nun kann ich mich fragen: „Schreibe ich deshalb, weil ich etwas erkenne, was andere erst erkennen können, wenn ich es geschrieben habe?“ Einmal unabhängig davon, ob es nun so ist oder nicht, fühle ich mich mit dieser Aussage ausgesprochen wohl.

Dieser Text hat mir aber auch die Bilder von Giorgione noch einmal sehr viel näher gebracht, ich sah auf einmal Dinge, die mir vorher entgangen waren – und dabei hatte ich mich schon recht intensiv mit diesen Werken beschäftigt.

Und dann hat es natürlich auch bei mir Wünsche ausgelöst – vielleicht kann ich sie mir ja in diesem Leben irgendwann erfüllen. Da ist zum einen der Wunsch, wenigsten ein paar seiner Bilder im Original zu sehen: Dresden, Wien, Venedig sollte ja eigentlich machbar sein.

Der andere Wunsch hat etwas mit den Farben zu tun. Schließlich wollte das Werk „Die Farben der Erde“ heißen. Mir wurde klar, dass die damaligen Farben etwas ganz anderes waren, als die schon fertigen, die man in späteren Jahrhunderten verwendete. Das kommt mir so vor, wie wenn ich einen Text mit der Hand schreibe oder direkt in den Computer.

Damals mussten die Farben ja noch einzeln gemischt werden, es gab auf der einen Seite so viele Unwägbarkeiten, andererseits dadurch aber auch tausend Möglichkeiten. Damit werde ich mich – wenn die Zeit reif ist – etwas näher beschäftigen.

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