Dienstag, 6. Mai 2014

Normalerweise tue ich es nicht – Texte hier hin setzen, die scheinbar nichts mit einem Tagebuch zu tun haben. Allerdings habe ich in der letzen Zeit schon mehrmals Regeln durchbrochen, auch meine eigenen. Warum also nicht auch diese.

Auf meinem alean-yu Blog hatte ich im März einige Gedanken zu diesem meinem literarischen Tagebuch festgehalten, als ich diese noch einmal durchlas, erkannte ich, dass da eine Verbindung zu einem Text bestand, den ich schon vor einiger Zeit geschrieben hatte. Er erklärt so einiges, wie ich finde, zumindest aus meiner Sicht und damit für mich. Und wenn ich tiefer schaue, gehört er natürlich doch hier an diese Stelle. Deshalb lasse ich ihn nun genau so folgen, wie ich ihn damals geschrieben habe.

Zeitkapseln in der Kunst

Eine Zeitkapsel ist im allgemeinen Sinn ein Gefäß, eine Dose, ein Behälter, in den gewisse Zeitdokumente gelegt werden. Dieser Behälter kann in einem Gebäude an bestimmten Stellen versteckt werden, jemandem zur Aufbewahrung gegeben werden, mit der Bitte, ihn nach einer gewissen Zeit zurück zu geben, oder die Person, die eine Zeitkapsel erhält, legt diese bis zu einem bestimmten Zeitpunkt auf Seite.

Vor Jahren haben wir eine besondere Form der Zeitkapsel in einem Workshop benutzt. Am Ende der Veranstaltung sollte jeder einen Brief an sich selbst schreiben, und zwar an das Selbst in der Zukunft, genauer ein Jahr später. Die Umschläge wurden von den Teilnehmern mit ihren eigenen Adressen versehen und dann der Seminarleiterin ausgehändigt. Ein Jahr später kam mit der Post der Brief aus der Vergangenheit.

All diese Formen von Zeitkapseln werden bewusst eingesetzt, geplant und meist auch im Hinblick auf die vermutlichen oder bekannten Öffner der Zeitkapsel zusammengestellt.
Darüber hinaus gibt es aber auch noch andere Formen von Zeitkapseln. Ihr Inhalt ist zwar manchmal zu sehen, wird aber erst zu einer bestimmten Zeit verstanden – oder er wird an offener Stelle angebracht, doch die ist dann für eine bestimmte Zeit nicht frei zugänglich. In manchen Fällen haben die Hersteller der Zeitkapsel sehr bewusst die Informationen verschlüsselt oder verborgen, doch mindestens eben so oft war selbst den Herstellern nicht alles bewusst oder nicht sie waren es, die die Zeitkapsel versteckt haben, sondern es waren sonderbare „Zufälle“, die dazu führten.

Diese letzteren Fälle möchte ich genauer untersuchen. Auf diese Form von Zeitkapseln stieß ich in einem Buch von Murry Hope, eine Engländerin, die sich auf unorthodoxe Art und Weise mit Atlantis, Ägypten und den Kelten beschäftigt hat. Bei ihr las ich auch in diesem Zusammenhang den Begriff Zeitkapsel.

Was verstehe ich nun darunter? Am leichtesten – so finde ich – lässt es sich an der Kathedrale von Chartres demonstrieren. Auch wenn wir es nicht beweisen können, können wir wohl doch davon ausgehen, dass die damaligen Baumeister diese Kathedrale bewusst als Zeitkapsel angelegt haben. In ihren Proportionen sind Informationen versteckt, die nur der finden kann, der sich bewusst auf die Suche danach macht(1). Gemeint ist hier der Aufbau des Kirchenschiffs nach genauen geometrischen Mustern. Auch wenn ich hier nicht ins Detail gehen möchte, erwähne ich doch als Hinweis die Anordnung der drei geometrischen Muster: Kreis, Quadrat und Rechteck, alle drei von gleichem Inhalt. Wer nicht darauf achtet, bemerkt es nicht – obgleich der Kreis durch das Labyrinth auf dem Boden betont wird. Wer es bemerkt, aber nichts dahinter vermutet, wird es für Zufall halten. Und erst, wer sich bewusst ist, dass ein Bauwerk an sich eine Zeitkapsel sein könnte, wird auf die Idee kommen, nach weiteren Hinweisen zu forschen. Meines Erachtens gibt es noch eine ganze Reihe solcher ‚Zeitkapseln’ zu entdecken, vor allem auch in der Kunst, sowohl der bildenden als auch der Geschriebenen.

Im Kleinen kann dies jeder aufmerksame Beobachter an sich selbst feststellen. Wir betrachten ein Bild oder lesen ein Werk ganz anders mit zwanzig oder mit fünfzig Jahren. Vor allem dann, wenn in unserem eigenen Leben bestimmte Entwicklungen oder große Einschnitte stattgefunden haben, finden wir auf einmal in einem uns scheinbar vertrauten Werk Hinweise, die wir zuvor nicht erkannt haben. Wenn ich dies nun auf die Menschen in ihrer Gesamtheit übertrage, so werden auch sie Bilder im zwanzigsten Jahrhundert anders bewerten als beispielsweise hundert Jahre zuvor. Das Gleiche gilt natürlich für die Literatur.

Mich hat es schon immer amüsiert, wenn dann alle Vorstellungen umgeschmissen, gar als falsch abgetan werden, weil man nun neue Erkenntnisse zu haben glaubt. Dabei kommen mir die Zeitkapseln – denn eine solche ist auch jedes gute Kunstwerk – eher wie Zwiebeln vor. Eine Schicht nach der anderen können wir abziehen. Aber die Zwiebel besteht weder aus dieser einen einzelnen Schicht noch aus dem Kern. Und oft genug wird eine neue Schicht für den Kern gehalten, obgleich da noch weitere Schichten ihn umhüllen.

Ich sagte eben, jedes gute Kunstwerk sei eine Zeitkapsel. Ich wage zu behaupten, dass das neben der Beherrschung der Technik und dem Anbinden an eine innere Quelle ein Kunstwerk ausmacht. Erst das Zusammenspielen von Handwerk – das ist das, was man lernen kann –, Hingabe, Verbindung mit dem göttlichen Kern, oder wie auch immer man dies nennen will, macht den Künstler aus. Mancher Künstler ist sich bewusst, dass in seinem Werk verborgene Botschaften sind, oft genug spürt er nur, dass es so ist, ohne sie im Einzelnen zu kennen. Es ist, als würde eine andere Kraft – seine Muse, seine innere Weisheit – ihn lenken, genau das auszudrücken, was er da ausdrückt. Er benötigt die Technik, die Anbindung an die Quelle ist notwendig, doch erst, wenn ein Mensch dies miteinander verbinden kann, ist er in der Lage, ein Kunstwerk zu erschaffen.

So manchem geht erst auf, welche Botschaften sich in seinem Werk befinden, wenn er sein fertiges Bild betrachtet oder sein geschriebenes Werk liest. Die wenigsten sind in der Lage, die Botschaft, die sie möglicherweise als solche erhalten, zu verschlüsseln und dann umzusetzen. Ich glaube sogar, dass sie – die Botschaften – sich dem Menschen entziehen, wenn sie – die Menschen – zu sehr versuchen, sie mit dem Versand zu handhaben(2)

Selbst die Baumeister der gotischen Kathedralen konnten sich nicht alleine auf ihr Handwerk und ihren Verstand verlassen. Da war noch etwas Zusätzliches notwendig, unter anderem das Bewusstsein, eine Kathedrale zu bauen und nicht einfach nur einen Job zu erledigen. Spätere gotische Werke zeigten, dass zwar die Kenntnisse der Technik noch vorhanden waren, die Verbindung aber in den meisten Fällen abgerissen war.

Auch in anderen Bereichen der Kunst können wir das erleben. Häufig genug scheint die Verkapselung der Informationen darin zu liegen, dass das entsprechende Werk gar nicht als Kunstwerk aufgefasst wird. Das Verstecken, das Verbergen geschieht dadurch, dass es entweder nicht beachtet wird oder aber nur die Oberfläche bewertet wird, die möglicherweise nicht dem Zeitgeschmack entspricht – vielleicht nicht einmal entsprechen darf.

Und nun gehe ich noch einen gewagten Schritt weiter. Vorausgesetzt, meine vorherigen Überlegungen stimmen – und ich glaube es, sonst hätte ich es ja nicht so geschrieben –, so kann (fast) nie die Generation, in der ein Kunstwerk entsteht, erfassen, dass es eines ist. Erst spätere Zeiten werden zeigen, dass es eine Zeitkapsel ist, denn genau das ist ja das Wesen einer Zeitkapsel. Mir will scheinen, dass ich als Künstler in der Lage bin, mich aus der Zeit, die zur Erde und anscheinend nur zur Erde gehört, heraus zu begeben in einen zeitlosen Raum, eine Dimension ohne Zeit – eher noch in einen Zustand ohne Zeit und Raum. Dort verbinde ich mich mit Wissen, das immer und alle Zeit da ist. Meine Aufgabe ist es dann, dieses in etwas zu verpacken, dass es für Wesen, die Zeit und Raum benötigen, erkennbar macht: sichtbar, hörbar, lesbar. Mein Werk muss gleichzeitig zeitlos und doch in einer Zeit eingebettet sein, es benötigt altes und neues (beides Dinge, die es nur geben kann, wenn ein Zeitrahmen existiert).

Mancher Künstler hüllt sein Werk in so viele Schichten, dass jede – oder fast jede – Generation es verstehen kann. Manch einer unterlässt dies, das Werk wirkt dann zur Zeit seiner Entstehung fremd und wird erst sehr viel später in seinem Wesen erfasst. Manche Werke erfahren ein ständiges Auf und Ab in der Bewertung.

Ich finde es grandios, dass Kunst nicht nur ein Mittel ist, Botschaften in Zeitkapseln zu verpacken, sondern dass wir Menschen es auf so unterschiedliche Arten bewerkstelligen.
Mit jedem Kunstwerk kommen wir ein kleines Stück näher an den Zustand ohne Zeit und Raum und damit an die Ewigkeit.

(1) Wer Genaueres dazu erfahren möchte, lese das Buch von Louis Charpentier: Die Kathedrale von Chartres. Interessante Hinweise finden sich außerdem in George Pennington: Die Tafeln von Chartres. Patmos Verlag

(2) Hübsches Bild, wie mir gerade auffällt, da das Wort handhaben, das sich vordrängte, auf die Beteiligung der Hände hinweist.


 

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