Montag, 17. März 2014

Schon seit einiger Zeit verspürte ich den Wunsch, Charles Dickens Roman ‚Der Raritätenladen’ (The old curiosity shop) vorzunehmen. Ich besitze zwar eine ganze Reihe von Dickens Werken, aber diesen Roman bisher nicht. Ich fragte mich auch manchmal, warum ich gerade den lesen wollte, war es der Titel oder die Beschreibung in meinem Literaturlexikon? Ich weiß es nicht. Jedenfalls kaufte ich ihn mir, als ich letzte Woche in der Stadt war. Und dann nahm ich mir dieses gewichtige Werk vor – in meiner Ausgabe über 800 Seiten.

Inzwischen habe ich ihn gelesen und wieder einmal festgestellt, dass ich die Werke alter Meister anders lese als vor Jahren. Das hat nichts damit zu tun, dass ich inzwischen älter bin – oder doch nur sehr wenig. Nein, ich lese mittlerweile auf einer anderen Ebene, so will es mir scheinen. Ich hatte es schon festgestellt, wenn ich mir alte Bekannte wieder vornahm. Nun, bei diesem mir neuen Werk, geschah es genauso.

Da gibt es in dem Roman eine ganze Bandbreite an Menschen – von dem bösesten Bösewicht (Mr Quilp) bis hin zur lichtesten Engelsgestalt (Nelly). Interessanterweise lässt Dickens genau diese beiden sterben – als sei die Welt für Extreme nicht geschaffen. Beim genaueren Betrachten ging mir aber auf, dass diese kleine Engelsgestalt sehr wohl gewisse Makel trägt – zumindest in meinen Augen und wenn ich es denn überhaupt so dual formulieren will. Dieses Mädchen (sie ist vierzehn, wird aber von Dickens immer als kleines Kind bezeichnet, was sie nicht ist) tut alles, um den geliebten Großvater vor Ungemach zu bewahren. Und irgendwann kamen mir als Leser ganz seltsame Gedanken, die schlussendlich in der Erkenntnis mündeten: heute würde man ihr Verhalten als Co-Abhängigkeit bezeichnen. Denn was Nelly alles tut, nur um den Großvater vorm Kartenspiel – dem er verfallen ist – und vor Diebstahl zu bewahren, das ist schon fast abenteuerlich. Das Ergebnis von dem allen ist dann ihr Tod.

Ich glaube, ja bin mir fast sicher, dass Dickens ein Dichter war, der nicht mit dem Kopf sondern mit dem Herzen schrieb. Wahrscheinlich war ihm nicht vollkommen bewusst, was er da geschrieben hat. Denn die Art und Weise, wie dieses Kind reagiert, muss im Grunde in letzter Konsequenz zu seinem Tod führen. Nicht aus menschlicher sondern aus dichterischer Sicht. Und zwar deshalb, weil Nelly nicht in der Lage ist zu erkennen, dass ihr Verhalten im Grunde dem Großvater nicht hilft, sondern ihn von ihr abhängig macht. Was sich dann in den letzten Kapiteln auch so zeigt, denn als sie tot ist, stirbt er auch sehr bald – und dabei kam er mir wie ein Hund vor, dessen Herr gestorben ist und den er ständig sucht. Und wenn er ihn nicht findet, legt er sich auf dessen Grab und stirbt selbst.

Die Lebensformen, die gezeigt werden, mögen zwar veraltet sein, aber was Dickens da an menschlichem – ja allzumenschlichem – auftreten lässt, gibt es heute noch genauso. Es gibt die Menschen, die etwas lernen – zum Teil aus schlimmen Situationen oder dem Leid anderer – und solche, die nicht in der Lage sind, auch nur die einfachsten Konsequenzen zu erkennen. Die einen gehen dadurch unter, die anderen werden einfach nur sonderlich. Und das alles, wenn auch im Mantel des neunzehnten Jahrhunderts verborgen, erinnert mich sehr an unsere heutige Zeit.

Ein anderes hat mich ebenfalls erstaunt – wieder einmal. Nach dem Lesen des Romans nahm ich mir noch einmal mein Literaturlexikon vor. Und wunderte mich. Da heißt es: die Sterbeszene der kleinen Nelly habe ganze Generationen zu Tränen gerührt, Oscar Wilde aber zu einer bissigen Bemerkung veranlasst. Und ich fragte mich, ob denn keiner richtig gelesen hat. Es gibt keine Sterbeszene, denn Nelly ist schon tot, wenn die rührenden Szenen beginnen; es wird weder genau beschrieben, wie sie gestorben ist, noch woran sie gestorben ist. Es wirkt eher so, als sei sie immer durchsichtiger und immer mehr wie von einer anderen Welt geworden.

Bei all diesen meinen Überlegungen kam mir noch ein ganz anderer Gedanke. Er streifte mich nicht zum ersten Mal. Wenn wir Romane – oder andere Werke – schreiben und das mehr mit dem Herzen und weniger mit dem Kopf tun, so finden Weisheiten, Ideen und Einsichten ihren Weg in diese Werke, die zur Zeit der Niederschrift noch keinen Sinn – oder nur sehr wenig – machen. Da dürfen sich Weisheit, Wissen und Erkenntnisse ausbreiten, um für spätere Generationen festgehalten zu werden. Und zu jeder Zeit kommen wir beim Lesen an eine andere – weitere, tiefere – Schicht des Wissens heran.

 

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