Sonntag, 02. März 2014

Ich habe gerade mein bisher Geschriebenes durchgelesen und stelle fest, dass ich in den letzten Wochen ein geradezu wildes Durcheinander an Büchern gelesen – wenn nicht gar verschlungen – habe. In der letzten Zeit war es Lord Byron, der mich wieder einmal fesselte, und dabei weiß ich meistens nicht, was mich mehr fasziniert, sein Leben oder seine Werke.

Nebenbei – nun ja, ganz so nebenbei natürlich auch wieder nicht – hatte ich ein paar kleinere Texte geschrieben, einen für eine Messe, auf der ich war, dann für meinen Newsletter, den ich jeden Monat heraus gebe. Und ich fragte mich schon, ob das intensive Lesen der letzten Zeit mich davon abhalte, ein größeres Werk in Angriff zu nehmen, oder eines der begonnenen fortzuführen oder gar zu Ende zu bringen.

Und dann, fast wie aus heiterem Himmel, spürte ich den Impuls, etwas weiterzuverfolgen, was ich im letzen Jahr begonnen hatte. Es hatte mit dem Bericht über meine Rachel angefangen, wollte dann in den kurzen „Romanen“ über Jacques und Cladaigh fortgeführt werden und mündete im Herbst schließlich in dem Theaterstück André Satie. Ich hatte mich damals schon gefragt, ob es vielleicht noch ein anderes Leben geben könnte, das auf diese Art und Weise festgehalten werden wollte. Da ich aber im letzen Jahr keinerlei Impuls spürte, ließ ich es bleiben. Doch nun meldete sich meine Tamar, jene Frau, die auf dem Balkan groß wurde, deren Vater aus dem heutigen Ungarn und deren Mutter aus dem Kaukasus stammten, sie selbst kennt beide nicht und wird irgendwo südlich der Donau groß. Ich hatte anfangs geglaubt, es sei im heutigen Kosovo, doch es zeigte sich nun, dass es weiter östlich liegt – jenes Dorf, in dem sie aufwächst.

Ja, sie hatte auf einmal den Drang in mich gelegt, auch über sie zu schreiben, wieder in Ich-Form. Und es ist aufregend und interessant, dass ich anscheinend allein durch die Tatsache, dass ich als Ich-Erzähler auftrete, an ganz andere Informationen und Hinweise gelange, als wenn ich es in der distanzierten Form schreiben würde.

Allerdings hatte ich kurz vorher noch etwas anders erkannt. Das hat mit meiner schamanischen Arbeit zu tun, aber nicht nur mit der. Ich hatte ja vor Jahren das Buch ‚Im Kreis der Ausrücke’ geschrieben. Inzwischen zeigten sich Abwandlungen in jenen Leben, bei denen ich zuerst geglaubt hatte, ich hätte es damals einfach nicht genau genug gespürt oder gesehen. Doch dem ist nicht so. Ich habe durch meine Arbeit die Vergangenheit verändert – und auch die Potentiale, die Rachel als stärkste gesehen hatte, haben sich damit nicht als diese erwiesen. Somit ist das Buch natürlich immer noch stimmig, denn so hatte Rachel es gesehen.

Irgendwann wollte ich dann wissen, was denn von allem nun die Vergangenheit sei. Ich erhielt eine so seltsame Antwort, dass ich auch darüber einen Artikel verfasste. Er nennt sich: ‚Die Vergangenheit gibt es nicht’.

Und inzwischen frage ich mich – interessanterweise nicht zum ersten Mal – ob wir nicht auch mit unserem Schreiben manchmal Vergangenheit verändern. Meinem Kopf ist das alles noch sehr suspekt, aber mein Herz jubelt dazu. Noch ein Grund mehr, weiter zu schreiben – als wenn ich überhaupt noch einen weiteren brauchte.

 

 

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