Sonntag, 26. Januar 2014

Es ist eine eigentümliche Sache, wenn du als Schriftsteller andere liest. Ich habe ja schon vor längerer Zeit festgestellt, dass mir die alten Dichter sehr viel mehr geben als zeitgenössische und so habe ich eine weitere Entdeckung gemacht. Natürlich kannte ich Selma Lagerlöf – und nicht nur vom Namen – aber ich las zum ersten Mal ‚Gösta Berling’.

Er hat mich mit gemischten Gefühlen zurückgelassen. Ich mag ja durchaus die manchmal sehr sonderbaren Sätze der Altvorderen – das habe ich auch vor kurzem bei Gottfried Keller in dessen ‚Sinngedicht’ gespürt – aber das ist es bei der Selma Lagerlöf noch nicht einmal. Auch dass ihr Werk manchmal fast eher wie eine alte Saga wirkt, ist es nicht. Obgleich mich die Gestalt des Gösta fasziniert hat, hatte ich fast von der ersten bis zur letzten Seite nicht das Gefühl, von „normalen“ Menschen sondern eher von Gestalten aus uralten Zeiten zu lesen. Da verwirrte mich dann doch die Bemerkung auf dem Klappentext, dass die Lagerlöf es schaffe, Menschen so zu gestalten, als kennte man sie persönlich.

Ich hatte nicht das Gefühl. Das Gleiche gilt für die Natur. So wundervoll sie diese beschreibt, blieb sie mir doch seltsam fremd. Ich habe mich natürlich hinterher gefragt, womit das zu tun hat. Ich kann nur eine Vermutung äußern. Es hat wohl etwas mit Schweden, mit den Mythen und Sagen dort, mit ihrer Lebensweise, dem Boden und dem Klima zu tun. So wie mich dieses Land – und mag es noch so großartig sein – nicht anzieht, so sind es auch die Schicksale der Menschen, die in einem solchen Umfeld leben, die mir nicht wirklich nahe kommen.

Das hat dann nun wirklich nichts mit der Dichterin zu tun. Etwas anderes vielleicht schon eher. Sie lässt diesen Gösta häufiger lachen und doch hat man das Gefühl, dass sie ihm dieses Lachen nicht gönnt, dass er dafür bestraft werden muss, dass er oft so fröhlich ist. Schließlich ist er ein sündiger Mensch – in den Augen der Dichterin, so meine Vermutung. Dann wäre es fehlender Humor, der mich an dem Buch stört. Oder ein zu starkes Gefühl von Sühne und Schuld, was mich noch nie angesprochen hat. Vielleicht macht einen ein kaltes, in den Jahreszeiten extremes Land wie Schweden dazu.

Und da kommt mir gerade eine vollkommen andere Idee. Ist das der Grund, warum Axel Munthe von Capri und der Sonne so begeistert war, dass er gar nicht von der Insel lassen konnte und es auf sich nahm, von dem vielen Licht zu erblinden?

Schon eigentümlich, was Werke in einem auslösen können. Es ist sicherlich nur selten das, was der Dichter vermutet. Eine gute Lektion für mich, wie mir scheinen will. Was weiß denn ich, was meine Werke bei anderen auslösen. Aber wenn ich sie sich selbst schreiben lasse – was heißen soll, dass ich den Text einfach fließen lasse – dann wird es schon genau das sein, was bei dem anderen ankommen soll – was immer das dann ist.

 

Dieser Beitrag wurde unter Tagebuch veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.