Sonntag, 19. Januar 2014

Gestern Abend habe ich in Tania Blixens Erzählungen weiter gelesen. Mal wieder konnte ich feststellen, dass ich mich immer mehr von der allgemeinen Literaturkritik entferne. Da wurden zwei Erzählungen abgewertet – sie seien qualitativ nicht so hoch stehend wie die anderen, was auch immer das heißen mag. Und zwei andere wurden fast herausgehoben. Eine der beiden letzteren sprach mich nicht nur nicht an, sondern ich hatte das Gefühl, dass etwas falsch war, sozusagen ein falscher Ton darin. Mag ja sein, dass es damit zu tun hat, dass sie in Paris zurzeit der Revolution spielt, mag auch sein, dass ich diese Zeit anders erlebt habe, oder noch viel wichtiger, dass ich anderes für wichtig halte. So sehr mich der Roman von Charles Dickens angesprochen hat – auch wenn er mir manchmal schon fast zu sehr an die Nieren ging – so wenig berührte mich diese Erzählung der Blixen.

Ich würde zwei andere Erzählungen herausheben, eine davon angeblich minderwertig, nämlich Onkel Seneca. In der Erzählung steckt mehr, als man beim ersten Lesen meint. Sie scheint oberflächlich zu sein, ist es aber nicht. Die andere Erzählung ist die schon gestern erwähnte: Die Familie de Cats. Sie wirkt zuerst einmal wie eine Satire auf die Ehrbarkeit braver Bürger. Auch in ihr steckt mehr, was aber vielleicht erst wir in unserer heutigen Zeit merken. Es ist ein wundervolles Bild dafür, was geschieht, wenn man das Dunkle ablehnt und nur das Helle leben will. In dieser Familie hat man eine seltsame Lösung dafür gefunden: es gibt immer ein schwarzes Schaf in der Familie und dieses nimmt alle Sünden auf sich, so dass der Rest der Familie besonders hell, ehrbar und edel erscheint. Ganz ehrlich gesagt gab es in dieser Geschichte für mich nur eine sympathische Figur und das war das schwarze Schaf. Die anderen taten mir irgendwie nur leid.

Diese Lektüre hat mich aber noch einmal mehr etwas über mich selbst als Schriftstellerin erfahren lassen. Wenn ich schreibe, bin ich mir zwar bewusst, dass ich schreibe, wenn ich es hinterher durchlese, erkenne ich auch vieles – sowohl den Erzählstrang als auch das, was dahinter steht – aber während des Schreibens selbst lasse ich nur fließen. Wie gesagt: dessen bin ich mir sehr bewusst. Wenn ich solche Geschichten wie die der Tania Blixen lese, frage ich mich, wie sie geschrieben hat. War sie sich bewusst, woher diese Idee kam, warum genau das gerade geschrieben werden wollte – oder plante sie vom Kopf? Es gibt nicht immer Aussagen darüber, wie sie – die Künstler – das sahen, wie beispielsweise den Ausspruch Schuberts, er komponiere wie ein Gott, als könne es gar nicht anders sein.

Manchmal frage ich mich, ob es nicht genau das ist, was ich oft genug spüre – und deshalb anders sehe als die gängige Kritik. Ich vermute nämlich, dass ich es irgendwie spüre, ob die Geschichte mit dem Kopf geplant wurde oder ob sie aus anderen Quellen – wie auch immer man die nennen will – geflossen ist. Und oft genug spüre ich im Untergrund der Geschichte diese tiefe Quelle – auch wenn sie von der Planung des Kopfes zugedeckt und dem eigenen Geschmack angepasst wurde.

 

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