Samstag, 18. Januar 2014

Vor ein paar Tagen hatte ich mir von Charles Dickens ‚A Tale of Two Cities’ (Geschichte aus zwei Städten) vorgenommen. Ich kannte es noch nicht und las es deshalb für meine Verhältnisse sehr langsam und sehr bewusst. Dabei fiel mir etwas recht Eigentümliches auf.

Im letzten Jahr im November hatte ich zwei Theaterstücke geschrieben, das eine – André Satie – spielt in Paris kurz vor der Revolution, also just zu der Zeit, da Dickens Roman beginnt. Mein Theaterstück besteht nicht nur aus fünf Akten, sondern hat auch Zwischenakte. In einem davon hört André eine rasselnde Kutsche, das Galoppieren von Pferden und dann einen schrecklichen Schrei – ein Kind wurde überfahren, doch die Kutsche rast einfach weiter. Als ich nun an die Stelle in Dickens Roman kam, da die Kutsche des Marquis ebenfalls ein Kind überfährt – er lässt zwar anhalten, kümmert sich aber ebenfalls nicht um das, was geschehen – kam mir dies fast wie eine Art De ja vú vor. Ich hatte vorher nicht davon gewusst, dass dies wohl damals häufiger vorkam – oder vielmehr, ich hatte es anscheinend wohl gewusst, ohne es zu wissen.

Das Gleiche gilt für die Tatsache, dass es wohl vor 1780 nicht nur brodelte in Paris, sondern dass es durchaus auch schon „Verschwörungen“ gab. Und natürlich haben Menschen, die weiterblickten, geahnt, dass es sehr bald zu einer Katastrophe kommen musste – so wie das André und dessen Freund Lucien in meinem Theaterstück ebenfalls ahnten.

In Dickens Roman fand ich aber auch noch etwas, das mir bemerkenswert erscheinen will. Er arbeitet mit einer ungewöhnlichen Form von Symbolen. Da fällt ein Fass mit Rotwein auf jene Straße, die später im Roman noch eine Bedeutung bekommt. Das Fass birst auseinander und der Wein läuft auf die Straße und sieht aus wie Blut. Ein Spaßvogel – ist er wirklich einer? – taucht seinen Finger in den Wein und schreibt an eine Häuserwand „Blut“. Dann scheint an dem Schloss des Marquis alles steinern zu sein – nicht nur, dass es aus Stein ist – aber es fehlt etwas, so kommt es einem vor. Bis zu dem Moment, da der Marquis umgebracht wird. Es war ein Medusenhaupt, das fehlte, und es liegt auf dem Kopfkissen – nämlich als Kopf des Ermordeten. Doch das bizarrste Symbol ist die Strickarbeit der Madame Defarge. Sie scheint es nie aus der Hand zu legen. Und hinein werden alle Sünden gestrickt, damit sie festgehalten werden können, bis zu dem Tag, da sie – die Madame – Rache nehmen kann.

Dabei ist mir noch etwas aufgefallen. In den Beschreibungen zu dem Roman heißt es immer, dass jene Madame Defarge die Verkörperung des Bösen sei. Mir kommt sie nicht so vor. Im Gespräch mit ihrem Mann wirkt sie normaler und menschlicher als beispielsweise Mr. Cruncher, wenn er mit seiner Frau herumschimpft. Was mir aber auffiel, ist der Fanatismus dieser Frau, der so schrecklich wirkt, weil er kalt zu sein scheint. Und der nicht wie bei ihrem Mann von Gefühlen beirrt wird. Und so frage ich mich, ob man nicht Dickens etwas unterstellt, wenn behauptet wird, er habe mit ihr die Verkörperung des Bösen darstellen wollen.

Das ist sowieso etwas, das ich mich immer wieder frage. Unterstellen wir nicht allzu oft einem Dichter etwas – eine Gesinnung, eine Idee oder was auch immer – nur weil es uns so zu sein scheint, weil dies unserer Sichtweise entspricht? Und so manches scheinbar Ehrbare, will mir beim Lesen gar nicht so vorkommen. Das habe ich gerade eben festgestellt, da habe ich nämlich die Erzählung ‚Die Familie de Cats’ gelesen.

Ich habe es wieder einmal festgestellt: für mich als schreibender Mensch sind diese alten Werke sehr viel aussagekräftiger als alles Neue. Ich entdecke darin Weisheiten, die erst einmal überraschen. Aber nur im ersten Moment. Denn vielleicht ist es die vornehmste Aufgabe eines Dichters, Weisheit in Erzählungen zu packen, einzupacken, zu verstecken und sozusagen zu verschenken, ohne es in jedem Fall selbst zu bemerken.

 

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